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 Betreff des Beitrags: Universitäre Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: Mo 13. Apr 2015, 17:29 
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Wieso mir Kutschera neuerdings immer wieder über die Füße läuft, weiß ich nicht. Vermutlich, weil ich mehr auf ihn achte. Und je mehr ich auf das achte, was er schreibt, umso mehr bestätigen sich meine Befürchtungen.

Universitäre Pseudowissenschaft, eigentlich eine verdienstvolle Veranstaltung, auf der der Kreationismus in Europa diskutiert wurde.

Nur eins erschließt sich mir nicht. Zitat:

"In der nur informell geführten Diskussion zum "Genderismus in Europa" wurde klar, dass diese fundamentalistische Anti-Darwin-Ideologie dieselben Wurzeln hat wie der wörtlich verstandene biblische Schöpfungsglaube (Kreationismus). Genderisten glauben, dass das "soziale Geschlecht" des Menschen, d. h. die Maskulinität und Femininität (Mann- bzw. Frau-Sein) unabhängig vom biologischen Geschlecht (XY- bzw. XX-Chromosomensatz, Testosteron- bzw. Östrogen-Pegel usw.) zum Ausdruck kommt, und als "gesellschaftliches Konstrukt" interpretiert werden kann. Eine faktenbasierte, naturwissenschaftliche Analyse dieses destruktiven, quasi-religiösen Glaubens steht derzeit noch aus, aber eine Schlussfolgerung kann definitiv gezogen werden: "Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Biologie"."
(Hervorhebung von mir)

Was hat der Kreationismus, hinter dem wesentlich religiöse Kreise stehen, mit dem "Genderismus" zu tun, der von eben diesen Kreisen vehement bekämpft wird?

Nur weil es sich hier um eine soziologische Fehltheorie handelt (soweit würde ich sein Kritik teilen), hat es noch nichts mit Religion zu tun. Vielmehr vermute ich, daß es sich bei den Vertretern der "Gendertheorie" mehrheitlich um Nichtreligiöse handelt.

Auch ich kritisiere die Geisteswissenschaften, aber im Unterschied zu ihm weiß ich wenigstens, wovon ich spreche. Den Gegenstand der Geisteswissenschaften, nämlich die Menschen und die Gesellschaften, die sie miteinander bilden, auf die Biologie reduzieren zu wollen, ist nun allerdings Soziobiologismus, der sich zunehmend in der säkularen Szene auszubreiten scheint, und mit seinem "Evolutionären Humanismus" eine gute Chance hat, den Humanismus auf lange Zeit hin unmöglich zu machen.

Wir erleben gerade den Beginn einer neuen Religion. Man könnte sie "Sozialdarwinismus" nennen, wenn dieser Begriff nicht schon besetzt wäre. Obwohl ...

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"Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen ... Alles aber ist geworden;
es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt."


- Friedrich Nietzsche


Zuletzt geändert von Domingo am So 19. Apr 2015, 04:30, insgesamt 1-mal geändert.
Tippfehler im Titel beseitigt


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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: Mo 13. Apr 2015, 21:21 
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Marcellinus hat geschrieben:

und mit seinem "Evolutionären Humanismus" eine gute Chance hat, den Humanismus auf lange Zeit hin unmöglich zu machen.

...


Was unterscheidet den "Evolutionäre Humanismus" vom sonstigen Humanismus? Hälst du Evolution und Humanismus im Zusammenhang grundsätzlich für Unfug?

kurz nachfragend.................tribald


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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: Mo 13. Apr 2015, 21:51 
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Beiträge: 771
tribald hat geschrieben:
Marcellinus hat geschrieben:

und mit seinem "Evolutionären Humanismus" eine gute Chance hat, den Humanismus auf lange Zeit hin unmöglich zu machen.

...


Was unterscheidet den "Evolutionäre Humanismus" vom sonstigen Humanismus? Hälst du Evolution und Humanismus im Zusammenhang grundsätzlich für Unfug?

kurz nachfragend.................tribald


"Evolution" ist ein Begriff, der die biologische Entwicklung der Arten meint. Die Evolutionstheorie ist ein wissenschaftliches Modell, um diese biologische Evolution zu beschreiben.

"Humanismus" ist ein Begriff, um eine bestimmte Art von weltanschaulichen Vorstellungen zu beschreiben.

Evolutionstheorie ist Wissenschaft, Humanismus Weltanschauung, das paßt schon mal nicht zusammen. "Evolutionärer Humanismus" ist der Versuch einer wissenschaftlichen Weltanschauung, ihr Wortschöpfer Julian Huxley sprach sogar von einer "wissenschaftskompatiblen" Religion.

Ich halte das für ein Monstrum. Wir haben keine guten Erfahrungen gemacht mit sich "wissenschaftlich" nennenden Weltanschauungen. Es tut beiden nicht gut, den Wissenschaften ebensowenig wie der Weltanschauung.

Bei dieser neuen "Religion" kommt allerdings noch erschwerend hinzu, daß sie etwas zur Religion erheben, was ein veritabler Irrtum ist: die Vorstellung, das Modell der biologischen Evolution ließe sich 1 : 1 auf die Menschenwissenschaften übertragen.

"Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Biologie" - das ist blühender Blödsinn, das ist Soziobiologie, du kannst es auch Sozialdarwinismus nennen. Es begann mit der Mem-"Theorie" von Dawkins und hat mittlerweile weite Teile der säkularen Szene erfaßt, zumindest die, die den Verlust des Marxismus als atheistische Leitkultur offenbar nicht verkraftet haben. Sie suchen immer noch nach der "Wahrheit", nach definitiven Antworten auf alle Fragen, auch wenn Schmidt-Salomon nicht müde wird, das Gegenteil zu behaupten.

Eine wissenschaftliche Weltanschauung ist schon deshalb Quatsch, weil selbst jeder noch so fähige Wissenschaftler auf allen anderen als seinem kleine Fachgebiet Laie ist. Wie mein Mathe-Prof so plastisch sagte: Wenn ich auf einem Mathematikerkongress in den falschen Saal gerate, verstehe ich nur Bahnhof!

Eine "wissenschaftliche" Weltanschauung ist Roßtäuscherei. Wir können höchstens hoffen, daß unsere Weltanschauung den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht allzu deutlich widerspricht. Von denen von morgen gar nicht zu reden.

Ich halte es übrigens auch aus diesem Grunde für einen Irrweg, von einer Weltanschauung (was für eine Wort!) zu erwarten, die Welt zu erklären. Daran sind die Religionen gescheitert und die Philosophien gleichviel.

Wir können versuchen, uns ein möglichst realistisches Bild von dieser Welt zu verschaffen, aber unser Lebensglück, unser inneres Gleichgewicht, unser "Seelenheil" sollten wir nicht daran hängen. Wir sollten auf die Suche gehen nach einem Lebensstil, der uns mit möglichst vielen Menschen in größtmöglicher Harmonie leben läßt, wobei einer dieser Menschen, das sollte man nie vergessen, man selbst ist. Ein neue Religion ist das letzte, was wir brauchen, vor allem, wenn sie gleich mit einem Irrtum anfängt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: Di 14. Apr 2015, 09:44 
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Evolutionärer Humanismus als Glaubensform

So eilig hätte ich es mit einer Bestätigung nicht gehabt, aber hier ist es:

"In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bezeichnet der Philosoph Michael Schmidt-Salomon den evolutionären Humanismus als eine interessante alternative Glaubensform.

Der evolutionäre Humanismus basiert jedoch auf den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und steht damit im krassen Gegensatz zu den Religionen."


Je mehr ich mich damit beschäftige, umso weniger möchte ich damit zu tun haben.

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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: Mi 15. Apr 2015, 08:45 
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Beiträge: 1096
Marcellinus hat geschrieben:
Evolutionärer Humanismus als Glaubensform

So eilig hätte ich es mit einer Bestätigung nicht gehabt, aber hier ist es:

"In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bezeichnet der Philosoph Michael Schmidt-Salomon den evolutionären Humanismus als eine interessante alternative Glaubensform.

Der evolutionäre Humanismus basiert jedoch auf den Erkenntnissen der Naturwissenschaften und steht damit im krassen Gegensatz zu den Religionen."


Je mehr ich mich damit beschäftige, umso weniger möchte ich damit zu tun haben.

Ich brauche auch keine "alternativen" Glaubensformen. Obwohl ich ein Fan von Schmidt Salomon bin.
Für das bißchen Natur- und Mythenschwärmerei, zu dem ich mich ab und zu in einer sternenklaren Nacht hinreißen lassen (nur wenn ich allein bin :D ) brauche ich keinen ideologischen Über- oder Unterbau.
Ach ja, fällt mir gerade ein: Meine Signatur gilt natürlich, selbstverfreilich auch für den humanen Evolutionismus ... äh umgekehrt.
ullr

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"Jede Religion hat das Recht, verarscht zu werden." - Heute Show am 31. Okt 2014


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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: So 19. Apr 2015, 04:04 
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Marcellinus hat geschrieben:
"Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Biologie"


Vielleicht meint er lediglich, dass alles Gesellschaftliche auf der biologischen Beschaffenheit des Menschen aufbauen muss. Ich erinnere mich, bei Steven Pinker in einer Verteidigung der evolutionaeren Psychologie das folgende Beispiel gelesen zu haben: Die Sprache ist selbstverstaendlich eine kulturell entwickelte Sache, sie ist ja auch von Kultur zu Kultur anders - dennoch wird meine Katze nicht Japanisch sprechen lernen, wenn sie in einer japanischen Umgebung aufwaechst, mein Baby aber schon. Kultur kann sich daher nur innerhalb der von der Biologie vorgegebenen Koerper- und Gehirnstrukturen abspielen.

(Fussnote: Diese "Genderisten" [was fuer ein Wort] sind meist auch dieselben, die sich fuer die Rechte von Transsexuellen stark machen. Doch wie kann Transsexualitaet real sein, wenn die psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur von der Gesellschaft konstruiert sind? Wie kann es da ein reales Gefaelle zwischen jemandes koerperlichem und psychologischem Geschlecht geben?)


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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: So 19. Apr 2015, 13:26 
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Beiträge: 771
Domingo hat geschrieben:
Marcellinus hat geschrieben:
"Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn, außer im Lichte der Biologie"


Vielleicht meint er lediglich, dass alles Gesellschaftliche auf der biologischen Beschaffenheit des Menschen aufbauen muss. Ich erinnere mich, bei Steven Pinker in einer Verteidigung der evolutionaeren Psychologie das folgende Beispiel gelesen zu haben: Die Sprache ist selbstverstaendlich eine kulturell entwickelte Sache, sie ist ja auch von Kultur zu Kultur anders - dennoch wird meine Katze nicht Japanisch sprechen lernen, wenn sie in einer japanischen Umgebung aufwaechst, mein Baby aber schon. Kultur kann sich daher nur innerhalb der von der Biologie vorgegebenen Koerper- und Gehirnstrukturen abspielen.


Das ist schon richtig, nur trifft das nicht den Kern. Zum einen erklärt es nicht, wie die "von der Biologie vorgegebenen Koerper- und Gehirnstrukturen" entstanden sind, wie man sich einen evolutionären Prozeß vorzustellen hat, der zu der Fähigkeit zu sprechen und zu denken geführt hat, ohne daß eine Sprache existiert, die man spricht und in der man denkt. Beides muß sich offenbar in wechselseitiger Abhängigkeit entwickelt haben, bis zu dem heutigen Stadium, in dem sich Sprachen "kulturell" entwickeln, ohne daß dem eine Veränderung der biologischen Strukturen zugrunde liegt.

Zum anderen finde ich zwar bei den Anhängern des "evolutionären" Dies-und-Das zwar den Hinweis auf "Kultur", sie selbstverständlich ihren Einfluß habe, aber dann immer den Versuch, "kulturelle Entwicklung" als eine Spielart der biologischen Evolution darzustellen, statt zu erkennen, daß es sich um einen eigenen Zusammenhang handelt, der nach eigenen, soziologischen Modellen verlangt.

Zu erkennen, daß da etwas fehlt, daß wir Menschen da ein Wissensdefizit haben, wäre ja schon ein Schritt in die richtige Richtung.

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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: Sa 5. Sep 2015, 10:20 
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Ich hatte hier mal nach 'Genderismus' gesucht - deswegen die Ausgrabung dieses Fadens.

So sehr ich die Beiträge von Marcellinus oft schätze - ich hab doch den Eindruck, dass die Abscheu die biologischen Grundlagen zu akzeptieren sehr kontraproduktiv ist

Marcellinus hat geschrieben:
Zum einen erklärt es nicht, wie die "von der Biologie vorgegebenen Körper- und Gehirnstrukturen" entstanden sind, ...

Ja, wie sollte das auch ein Satz erklären können. Aber was soll dieser Vorwurf heißen? Dass das überhaupt nicht erklärbar ist? Nach den Mechanismen wird geforscht. Einiges weiß man, anderes (noch) nicht. Und?

Marcellinus hat geschrieben:
wie man sich einen evolutionären Prozeß vorzustellen hat, der zu der Fähigkeit zu sprechen und zu denken geführt hat,...

dito. Dass dieser Prozess statt gefunden hat, davon kann man ja wohl aus gehen. Dass es biologischer Voraussetzungen bedarf um überhaupt sprechen zu können ist bekannt.

Marcellinus hat geschrieben:
..., bis zu dem heutigen Stadium, in dem sich Sprachen "kulturell" entwickeln, ohne daß dem eine Veränderung der biologischen Strukturen zugrunde liegt.

Und das ist falsch, weil zu vereinfacht. Inzwischen kann man z.B. mit dem fMRI dem Gehirn beim denken zuschauen. Dabei sind einfache Worte die jemand denkt z.B. Hammer am Bild ablesbar. Denken findet in einer biologischen Struktur statt. Es sind Ströme und Neurotransmitter die in einem Netwerk mit Unternetzwerken ablaufen. Unternetzwerke können elektrisch/chemische Impulse zu Muskeln schicken die dann z.B. Laute formen. Alles biologische (physikalische/chemische) Voraussetzungen bevor irgendeine 'Kultur' sich überhaupt etablieren kann. Und so, wie die Umwelt auf unser Netzwerk einwirkt, wirkt auch das System über Rückkopplungsschleifen auf sich selber ein, daher ist es nicht verwunderlich, dass auch 'kulturelle Phänomene' darauf einwirken und sogar trassierbare Spuren hinterlassen. Z.B. durch epigenetische Veränderungen einzelner Gene.

Wie genau sich diese Rückkopplungsschleifen ausbilden und sich gegenseitig beeinflussen wäre genau das Feld wo soziologische Modelle wichtig wären.

Aber dazu müssten sich die Sozialwissenschaftler vielleicht mal in die niederen biologischen Gefilde begeben und sich da eine gewisse Grundkenntnis drauf schaffen. Und, dass die Soziologie es noch nicht zu einem ordentlichen Dach-Modell geschafft hat ist ja nicht die Schuld der Biologen. Bild


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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: Sa 5. Sep 2015, 11:51 
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rhabarbarum hat geschrieben:
So sehr ich die Beiträge von Marcellinus oft schätze - ich hab doch den Eindruck, dass die Abscheu die biologischen Grundlagen zu akzeptieren sehr kontraproduktiv ist


Ich habe keine "Abscheu gegen die biologischen Grundlagen". Im Gegenteil. Es ist eine unserer biologisch bedingten Eigenschaften, daß wir Menschen ganz unterschiedliche Gesellschaften miteinander bilden können, daß diese Gesellschaften sich über Jahrtausende entwickelt haben, ohne daß sich unsere genetische Konstitution wesentlich verändert hat.

Es ist eine unserer biologisch bedingten Eigenschaften, daß jeder von uns seine Sprache, die sprachlichen Symbole, mit denen wir uns verständigen, unsere Art zu denken, zu fühlen, unseren gesamten sozialen Habitus von den älteren Menschen unserer Gruppe lernen müssen.

Die Gesellschaften, die Menschen miteinander bilden, sind ganz grundsätzlich etwas, was sich ändert, sich in Entwicklung befindet, ohne daß sich die Menschen, die diese Gesellschaften bilden, sind genetisch verändern. Daher sind die Mechanismen dieser sozialen Entwicklung auch andere die der biologischen Evolution.

Der Fehler von Marx war nicht eigentlich das "falsche" Menschenbild, sondern die Tatsache, daß er Prozesse der ökonomischen Monopolisierung als alleinigen Motor der gesellschaftlichen Entwicklung annahm, und, das kommt hinzu, der Politiker Marx mit seinen Wunschträumen dem Soziologen Marx immer wieder ins Handwerk pfuschte, imdem er als Frucht seiner sozialwissenschaftlichen Arbeit ausgab, was nichts anderes als politische und soziale Zukunftshoffnungen waren.

Biologische Evolution und soziale Entwicklung sind zwei unterschiedliche, wechselseitig von einander abhängige Prozesse, von denen der erste in der Regel langsamer abläuft als der zweite. Wesentliche soziale Prozesse, wie die Staatenbildung, die Industrialisierung oder Säkularisierung, oder die Entwicklung unseres Wissens über und unsere Einstellungen zu dem, was wir außermenschliche Natur nennen, haben sich vollzogen, ohne daß die genetischen Eigenschaften der Menschen sich geändert hätten.

Das ist auch der Grund, warum soziale Prozesse in unterschiedliche Richtungen verlaufen können, zB in Richtung auf eine Verstärkung und Verlängerung zwischenmenschlicher Interdependenzketten, Verstärkung von Arbeitsteilung und innergesellschaftlicher Differenzierung, und auch wieder zurück.

Mit diesen sozialen Prozessen, die nichts anderes sind als die Beziehungen zwischen den Menschen, sie bilden, der Erweiterung oder Verringerung des gesellschaftlichen Wissens, verändert sich auch der soziale Habitus der einzelnen Menschen. Eine solche Habitus-Entwicklung kann man exemplarisch zeigen im Prozeß der Staatenbildung in Europa vom Mittelalter bis zu Neuzeit, und hier vor allem beim Übergang von der höfischen Gesellschaft des 17. u. 18. Jh. zur bürgerlichen Gesellschaft des 19. u. 20., hier vor allem an den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Frankreich und Deutschland, wo in letzterem aus dem ursprüngliche Gegensatz zwischen französisch sprechendem Adel deutsch sprechendem Bürgertum, mit dem Aufstieg bürgerlicher Schichten in führende staatliche Positionen ein nationaler Gegensatz zwischen den vermeintlichen "Erbfeinden" Deutschland und Frankreich wird, mit den bekannten schrecklichen Folgen zweier Weltkriege.

All diese Veränderungen, diese sozialen Prozesse haben stattgefunden, ohne daß sich die genetische Struktur der beteiligten Menschen verändert hätte, geschweige denn, daß sie dafür ursächlich gewesen wären. So wie die biologischen Objekte dieses Universums eine eigene Ebene von beobachtbaren Tatsachen bilden, die nicht auf physikalische Eigenschaften dieser Objekte reduziert werden können, was die eigentliche Begründung für eine eigene Gruppe von biologischen Wissenschaften neben den physikalischen ist, so bilden auch die sozialen Objekte dieses Universums, die Menschen und die Gesellschaften, die sie miteinander bilden, eine eigene Ebene von beobachtbaren Tatsachen, die zwar auf physikalischen und biologischen Tatsachen beruhen, aber aus deren Eigenschaften nicht allein erklärt werden können.

Der physikalische Reduktionismus ist ja im Moment etwas aus der Mode, aber wenn man, wie es gegenwärtig zunehmend geschieht, versucht, soziale Tatsachen durch biologische Evolution zu "erklären", kommt man zur Soziobiologie, oder zu ihrem Bruder, dem Sozialdarwinismus. Beides keine gute Idee. :lol:

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 Betreff des Beitrags: Re: Universitäte Pseudowissenschaft
BeitragVerfasst: Sa 5. Sep 2015, 13:30 
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Registriert: Mi 17. Apr 2013, 18:53
Beiträge: 140
Marcellinus hat geschrieben:
...Wesentliche soziale Prozesse, wie die Staatenbildung, die Industrialisierung oder Säkularisierung, oder die Entwicklung unseres Wissens über und unsere Einstellungen zu dem, was wir außermenschliche Natur nennen, haben sich vollzogen, ohne daß die genetischen Eigenschaften der Menschen sich geändert hätten.
....

Du bist mit keinem Wort auf meine Argumentation eingegangen sondern hast nur wiederholt und weiter ausgeführt was du schon geschrieben hattest... langweilig.
Und woher willst du denn so genau wissen, ob sich die genetischen Eigenschaften des Menschen nicht geändert haben? Lass mich an deinem Wissen teil haben, so denn du es da hast.


Marcellinus hat geschrieben:
... aber wenn man, wie es gegenwärtig zunehmend geschieht, versucht, soziale Tatsachen durch biologische Evolution zu "erklären", kommt man zur Soziobiologie, oder zu ihrem Bruder, dem Sozialdarwinismus. Beides keine gute Idee. :lol:

*ha, ha, ha* ich lach mich schlapp - oder was soll dein lol?
Nein, zu Soziobiologie oder dem Sozialdarwinismus käme es nicht, wenn die Sozialwissenschaften sich die biologischen Grundlagen des Verhaltens drauf schaffen und in ihre Überlegungen ein bezögen.
Mein Eindruck ist, dass du vor Soziobiologie und Sozialdarwinismus so viel Panik hast, dass du am liebsten jegliche Einbeziehung der Biologie streichst.

Erinnert mich stark an die Leute die so panische Angst vor dem Vorwurf des Rassismus haben, dass sie z.B. jegliche Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen negieren.
Es ist aber nicht das Feststellen der Unterschiede die Rassismus aus machen, sondern die Schlussfolgerungen die wir daraus ziehen (oder nicht ziehen).
Genauso verhält es sich imo mit biologischen Grundlagen von Verhalten - diese zu sehen und mit in Überlegungen einzubeziehen würde der Soziologie wahrscheinlich gut tun.

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