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BeitragVerfasst: Sa 11. Jan 2014, 21:20 
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Carrier hat eine Antwort: Philosophie ist Wissenschaft mit weniger empirischen Belegen, und Wissenschaft ist Philosophie mit mehr empirischen Belegen. Bis ins 20. Jh. wurde Wissenschaft auch als "Naturphilosophie" oder "empirische Philsophie" bezeichnet; noch heute kriegen Wissenschaftler in englischsprachigen Laendern mit der Promotion ein "PhD", was "doctor of philosophy" bedeutet.
Und so manche Wissenschaftler sind auch Philosophen, insbesondere die, die uber Kosmologie und aehnliches forschen.

Ich denke, die eigentliche Frage ist, ob die akademische philosophie irgendetwas auf den Tisch bringt oder nicht. Laut Carrier muesste sie vorher ein wenig "gereinigt" werden, da schlechte Philosophie (insbesondere religioese Apologetik und Theologie) im Fach nicht vom guten Zeug getrennt werden, sondern gleichermassen in Fachzeitschriften veroieffentlicht und zu Lehrstuehlen fuehren kann, waehrend etwa in Biologie kein Kreationist am Peer-review-Prozess vorbeikommen wuerde, geschweige denn, einen Lehrstuhl bekommen wuerde.


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BeitragVerfasst: Sa 11. Jan 2014, 22:29 
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Domingo hat geschrieben:
Carrier hat eine Antwort: Philosophie ist Wissenschaft mit weniger empirischen Belegen, und Wissenschaft ist Philosophie mit mehr empirischen Belegen. Bis ins 20. Jh. wurde Wissenschaft auch als "Naturphilosophie" oder "empirische Philsophie" bezeichnet; noch heute kriegen Wissenschaftler in englischsprachigen Laendern mit der Promotion ein "PhD", was "doctor of philosophy" bedeutet.
Und so manche Wissenschaftler sind auch Philosophen, insbesondere die, die uber Kosmologie und aehnliches forschen.

Ich denke, die eigentliche Frage ist, ob die akademische philosophie irgendetwas auf den Tisch bringt oder nicht. Laut Carrier muesste sie vorher ein wenig "gereinigt" werden, da schlechte Philosophie (insbesondere religioese Apologetik und Theologie) im Fach nicht vom guten Zeug getrennt werden, sondern gleichermassen in Fachzeitschriften veroieffentlicht und zu Lehrstuehlen fuehren kann, waehrend etwa in Biologie kein Kreationist am Peer-review-Prozess vorbeikommen wuerde, geschweige denn, einen Lehrstuhl bekommen wuerde.

Nun, was hat Carrier wissenschaftlich zustande gebracht? Fest steht, daß sich heute Wissenschaftler nicht mehr als Philosophen verstehen, und Philosophen nichts mehr zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen. Carriers Versuch, die Wissenschaften nachträglich in die Philosophie "einzugemeinden", überzeugt mich nicht.

Außerdem scheint mir sein Verständnis von Wissenschaften ziemlich naiv, wenn er sagt, Wissenschaft sei einfach Philosophie mit besseren Daten, und dann alles, was seinem heutigen Anspruch nicht genügt, als Pseudo-Philosophie über Bord schmeißt. Ich denke, Wissenschaftler bedienen sich einer grundsätzlich anderen Arbeitsweise als Philosophen, von Theologen gar nicht zu reden.

Ich versuch's mal ganz grob, und nur auf den Erklärungsaspekt von Religion und Philosophie bezogen, damit man vorwissenschaftliche mit wissenschaftlichen Erklärungsmodellen vergleichen kann:

Religionen gehören einer Phase an, in der die Menschen Erklärungen von außermenschlichen wie menschlichen Zusammenhängen in den Absichten und Handlungen von als übernatürlich gedachten persönlichen Verursachern suchten. In der Philosophie werden dann diese persönlichen Verursacher durch absolute Begriffe ersetzt wie "Vernunft" oder "Natur".

Beide aber, Religion wie Philosophie, sind eingleisige theoretische Modelle. Religionen, hier vor allem die monotheistischen, bewegen sich innerhalb ihres Glaubenszusammenhangs, versuchen durch Nachdenken über ihre heiligen Schriften zu Erkenntnis zu kommen. Philosophen versuchen das Gleiche mit dem Definieren von Begriffen und argumentativen Ableitungen daraus. Beide suchen nach absoluten Anfängen und absoluten Zielen von persönlich affektiver Bedeutung, nach dem "Grund" und "Sinn" des Universums, seinem "Wesen" wie dem der Moral usw. Daten und Fakten sind dabei entweder überhaupt nicht von Bedeutung, oder dienen nur der Illustration der eigenen Überzeugungen. Das ist eigentlich weder Religion noch Philosophie vorzuwerden, stammen doch beide aus einer Zeit, in der Fakten kaum zur Verfügung standen.

Das änderte sich spätestens mit dem zweiten Säkularisierungsschub vor ca. 500 Jahren, als Menschen anfingen, die zahlreichen Naturbeobachtungen theoretisch zu verarbeiten, sei es in der Astronomie, in der Physik, der Chemie oder Biologie. Es nannte sich noch Philosophie, weil das der anerkanntere Begriff war, aber die Arbeitsweise war eine andere. Sie war zweigleisig, nicht mehr hauptsächlich theoretisch, sondern theoretisch-empirisch.

Da in der Zeit der Dominanz der Kirchen über das Geistesleben viele Tatsachenbeobachtung einfach nicht theoretisch verarbeitbar einzuordnen gewesen waren, waren sie einfach "liegengeblieben", so daß die ersten Naturforscher den Eindruck hatten, wissenschaftliche Arbeit sei wesentlich induktiv, von der Beobachtung zur Theorie. Erst in 20. Jh. begann die theoretische Arbeit zu überwiegen, besonders in der Physik, so daß Popper sich zu der Übertreibung verstieg, Wissenschaft arbeite wesentlich deduktiv.

So haben wir nun auch die Unterscheidung zwischen vorwissenschaftlichem und wissenschaftlichem Wissenserwerb. Von Wissenschaften kann man sprechen, wenn Menschen nicht mehr nach absoluten Anfängen und absoluten Zielen suchen, die zwar von großer emotionaler Bedeutung zu sein scheinen, aber durch Tatsachenbeobachtungen nicht zu belegen sind, und stattdessen versuchen herauszufinden, wie beobachtbare Ereignisse miteinander zusammenhängen. Theoretisch-empirische Wissenschaften bilden Modelle (Theorien) auf der Grundlage von beobachtbaren Tatsachen und verwenden diese Modelle dann, um im nächsten Schritt nach neuen Tatsachenbeobachtungen zu suchen, die die Modelle entweder stützen oder stürzen.

Das Ziel ist nicht "die Wahrheit" wie in Religion oder Philosophie, sondern wissenschaftlicher Fortschritt, Modelle, die besser als die vorherigen die beobachtbaren Tatsachen beschreiben und neue Beobachtungen ermöglichen. Solche Modelle mögen sich als falsch herausstellen, aber "wahr" ist eine Kategorie, die eigentlich nur in eingleisigen, von Menschen geschaffenen Symbolsystemen wie Mathematik oder Logik einen Sinn machen.

In theoretisch-empirischen Wissenschaften sind Modelle oder Theorien zwar auch von Menschen geschaffene Symbole, nur sollen sie Zusammenhänge beschreiben, die selbst keine Symbole sind, sondern die beobachtbare Wirklichkeit. Dieser Zusammenhang ist zu komplex, als daß da eine polare Wertung wahr-falsch angebracht wäre, und in der Wirklichkeit behauptet auch heute kein Naturwissenschaftler mehr, seine theoretischen Modelle seien "wahr". Was man dagegen messen und bewerten kann, ist, ob sie besser sind als die vorher gültigen Modelle.

Alle von Menschen gemachten Modelle, ob religiös, philosophisch oder wissenschaftlich, enthalten neben durch Tatsachenbeobachtung belegbaren realistischen Gehalten auch solche, die auf Fantasie beruhen, und die uns oftmals erst bewußt werden, wenn wir mit dem Kopf dagegenstoßen. Gedanklicher Fortschritt besteht darin, daß wir die realistischen Gehalte unserer Modelle vermehren, und die fantastischen verringern.

Aber weil es in den Religionen wie der Philosophie dafür keinen Maßstab gibt, gibt es auch kaum einen Fortschritt, jedenfalls nicht aus Religion und Philosophie selbst, und jede Generation stellt sich die immer gleichen Fragen, die nur weder durch reines Nachdenken noch durch Glauben zu beantworten sind, sondern nur durch Empirie.

In den Wissenschaften hat dagegen das letzte Wort immer das Experiment, und wenn das in das herrschende Modell nicht hineinpaßt, muß das Modell eben angepaßt werden, wogegen in der Philosophie widerstebende Fakten wegargumentiert und in der Religion weggeglaubt werden.

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"Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen ... Alles aber ist geworden;
es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt."


- Friedrich Nietzsche


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BeitragVerfasst: So 12. Jan 2014, 00:46 
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Beiträge: 270
Domingo hat geschrieben:
Carrier hat eine Antwort: Philosophie ist Wissenschaft mit weniger empirischen Belegen, und Wissenschaft ist Philosophie mit mehr empirischen Belegen. Bis ins 20. Jh. wurde Wissenschaft auch als "Naturphilosophie" oder "empirische Philsophie" bezeichnet; noch heute kriegen Wissenschaftler in englischsprachigen Laendern mit der Promotion ein "PhD", was "doctor of philosophy" bedeutet.
Und so manche Wissenschaftler sind auch Philosophen, insbesondere die, die uber Kosmologie und aehnliches forschen.

Ich denke, die eigentliche Frage ist, ob die akademische philosophie irgendetwas auf den Tisch bringt oder nicht. Laut Carrier muesste sie vorher ein wenig "gereinigt" werden, da schlechte Philosophie (insbesondere religioese Apologetik und Theologie) im Fach nicht vom guten Zeug getrennt werden, sondern gleichermassen in Fachzeitschriften veroieffentlicht und zu Lehrstuehlen fuehren kann, waehrend etwa in Biologie kein Kreationist am Peer-review-Prozess vorbeik
ommen wuerde, geschweige denn, einen Lehrstuhl bekommen wuerde.


Mir scheint auch, das Philosophie vor allem als eine Art interdisziplinärer Vermittler zwischen empirischen Wissenschaften noch einen Sinn hat. Also als Wissenschaftskritik, Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie etc. die dann vor allem von Wissenschaftlern selber betrieben wird. Sie zu "bereinigen" halte ich hingegen nicht für sinnvoll, da die eigenständige, klassische Philosophie zumindest noch Gegenstand der Philosophiegeschichte wäre und man kann niemandem sinnvollerweise verbieten, die Gedanken Kants weiterzuentwickeln oder sich allein für Ethik und Metaphysik zu interessieren und dazu etwas zu veröffentlichen.

Als reine Ergänzungswissenschaft für Wissenschaftler, die dann behaupten können, über ihren Fachbereich aufgrund philosophischer Zusatzausbildung besser reflektieren zu können, wird Philosophie kaum überleben. Das würde vermutlich nur dazu führen, dass man kritische, über den Tellerrand reichende Gedanken und Spekulationen, die man sich ohnehin (ohne Phil.-Studium) machen kann, dann etwas dünklerisch zur "Philosophie" erhebt. Andererseits - würde es das nicht auf das ursprüngliche Konzept der "Liebe zur Weisheit" zurückführen? Vielleicht braucht Philosophie ja sogar eine Art Befreiung vom akademischen Zweck.


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BeitragVerfasst: So 12. Jan 2014, 10:54 
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Beiträge: 771
Crocus hat geschrieben:
Vielleicht braucht Philosophie ja sogar eine Art Befreiung vom akademischen Zweck.

*daumenhoch* :D

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