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 Betreff des Beitrags: Re: Philosophiediskussion III
BeitragVerfasst: Do 14. Jan 2016, 10:59 
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ullr hat geschrieben:
Hallo Domingo,
Du schreibst:
Zitat:
"Wahr" ist demnach, was in der realen Welt funktioniert, dh, was uns erlaubt, Vorhersagen zu machen.

Ich denke, selbst diese -vernünftige- Aussage trifft nicht den Kern, was Theologen unter "Wahrheit" verstehen. Jeder, der in der Welt umgeht, wird wissen, dass auch zutreffende Voraussagen nicht unbedingt ein Beweis für die Richtigkeit unter allen Umständen sein können/müssen. Voraussagen sind nur in einem begrenzten Bereich möglich. Wird dieser Bereich überschritten, ist die Voraussage nicht mehr sicher. Wann dieser Bereich überschritten wird, zeigt die Erfahrung. Und die schließt Katastrophen mit ein...
Mein Lieblingsstatement in dieser Diskussion ist
"Wir irren vorwärts" von Musil.
Das ist Theologen nicht möglich und Wirtschafts- und Soziologietheologen lernen es auf die harte Tour.
ullr


Ja, das ist richtig. Oder wie Auguste Comte sagte:
"Savoir pour prévoir, prévoir pour pouvoir."
Wissen, um vorherzusehen, vorherzusehen, um handeln zu können.

Um vorherzusehen, braucht man Modelle, Modelle der beobachtbaren Wirklichkeit. Diese Modelle müssen einerseits auf Tatsachenbeobachtungen beruhen, und sich andererseits durch Tatsachenbeobachtungen überprüfen lassen.

Das ist es, was ich mit theoretisch-empirischen Wissenschaften meine, herauszufinden, wie beobachtbare Ereignisse miteinander in Zusammenhang stehen. Es ist ein wechselnder, zweigleisiger Prozeß aus Tatsachenbeobachtung auf der Grundlange von Modellen, und Modellbildung auf der Grundlage von Tatsachen. Keines geht ohne das andere. Nirgendwo ist ein absoluter Anfang, jeder, auch der Kreativste setzt nur fort, und ein absolutes Ende ist nicht in Sicht.

Zweigleisig meint hier, daß unsere Theorien Modelle sind, die mit menschengemachten Symbolen ein Wirklichkeit beschreiben sollen, die kein Modell ist, und nicht aus Symbolen besteht. Eine solche Beschreibung ist immer unvollständig, ein zweigleisiger Prozeß der Symbolbildung einerseits, und der Überprüfung dieser Symbole an der beobachtbaren Wirklichkeit andererseits.

Eingleisig nenne ich dagegen menschengemachte Symbolsysteme wie Mathematik oder Logik, in denen sowohl die Objekte als auch die Modelle und Operationen Teil des gleichen, theoretischen Systems sind, man also das menschengemachte Symbolsystem nie verläßt. Hier sind "wahre" Aussagen möglich, auch, und vor allem weil diese System absichtlich so konstruiert wurden, um wahre Aussagen hervorzubringen (neuere "Erfindungen" wie Fuzzy-Logik laß ich hier mal raus).

Die Bewertung eines Modells innerhalb des theoretisch-empirischen Prozesses des menschlichen Wissenserwerbs in einem binären Schema von wahr/falsch ist dagegen unzweckmäßig, weil man zwar von manchen Modellen sicher sagen kann, daß sie falsch sind, aber eben nicht, daß sie auf einem Gebiet eine endgültige "Wahrheit" darstellen.

Was man sagen kann, und das ist es, was ja auch in den Wissenschaften tagtäglich getan wird, zu beurteilen, ob ein Modell besser oder schlechter ist als ein vorhergehendes, ob eine Theorie also einen wissenschaftlichen Fortschritt darstellt. Die Frage nach der "Wahrheit", selbst der von einzelnen Aussagen, macht außerhalb von menschengemachten, formalen Systemen wie Logik oder Mathematik einfach keinen Sinn.

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"Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen ... Alles aber ist geworden;
es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt."


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 Betreff des Beitrags: Re: Philosophiediskussion III
BeitragVerfasst: Do 14. Jan 2016, 11:03 
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Beiträge: 28
Beim Beitrag von Marcellinus kann ich nur zustimmen.

Für mich ist es angenehm, dass im dem Text, der diesem Thread zu Grunde liegt, ausdrücklich metaphysische und theologische Positionen vermieden werden. Es wäre sinnvoll (für mich), wenn es dabei bleiben würde.

Vor Jahren habe ich dilettantisch im Thema Epistemologie herumgestochert, für mich ist dieser Teilbereich der Philosophie schon immer sehr attraktiv gewesen. So unterschiedliche Begriffe wie Erkenntnis, Wissen, Wahrheit, Gewissheit etc. haben mich seit meiner Schulzeit fasziniert.

Meine Kenntnisse im Englisch reichen nicht aus, um abschätzen zu können, ob und wie dort zwischen den Begriffen „Wahrheit“ und „Erkenntnis“ differenziert wird. Im deutschen Sprachgebrauch ist sowohl von Wahrheitstheorie wie auch von Erkenntnistheorie die Rede. Meines Wissens hat das historische Gründe.

Die Philosophie des vergangenen Jahrhunderts war geprägt vom Thema Epistemologie. Mit Sicherheit gibt es zwanzig und mehr unterschiedliche Ansätze – einer der bekanntesten ist vermutlich der sog. Kritische Realismus von K. Popper, der auf dem Prinzip der Falsifizierung aufbaut. Seltsamerweise akzeptieren Menschen, die eine Art Phobie gegen Philosophie haben, diese Sichtweise.

Sämtliche Erkenntnistheorien müssen anscheinend auf einer Prämisse aufbauen, wenn man so will, auf einer Art Dogma. Da ich früher mal etwas mit Technik zu tun hatte, tendiere ich nicht zum Kritischen Realismus. Die Mitglieder dieses Forums haben sicher unterschiedliche Vorlieben und Sichtweisen.

Gruß/Pelagius.

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Betrachte alles, was geschieht,
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 Betreff des Beitrags: Re: Philosophiediskussion III
BeitragVerfasst: Di 19. Jan 2016, 14:41 
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Beiträge: 771
Pelagius hat geschrieben:
Die Philosophie des vergangenen Jahrhunderts war geprägt vom Thema Epistemologie. Mit Sicherheit gibt es zwanzig und mehr unterschiedliche Ansätze – einer der bekanntesten ist vermutlich der sog. Kritische Realismus von K. Popper, der auf dem Prinzip der Falsifizierung aufbaut. Seltsamerweise akzeptieren Menschen, die eine Art Phobie gegen Philosophie haben, diese Sichtweise.

Der Kritische Rationalismus Poppers gewann seine Popularität in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts und verdankte sich, neben seinem (scheinbar) pragmatischen Ansatz und der Unterstützung durch den damaligen Bundeskanzler Schmidt vor allem der Tatsache, daß er sich als Gegenposition zum damals verbreiteten Marxismus zu eignen schien. Berühmt geworden ist der "Positivismusstreit" zwischen dem Kritischen Rationalismus unter Popper und Albert mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule unter Adorno und Habermas. Popper verdankt seine Popularität also vor allem seiner Nützlichkeit in der politischen Auseinandersetzung.

Pelagius hat geschrieben:
Sämtliche Erkenntnistheorien müssen anscheinend auf einer Prämisse aufbauen, wenn man so will, auf einer Art Dogma. Da ich früher mal etwas mit Technik zu tun hatte, tendiere ich nicht zum Kritischen Realismus. Die Mitglieder dieses Forums haben sicher unterschiedliche Vorlieben und Sichtweisen.

Die philosophische Erkenntnisdebatte stammt aus der beginnenden Neuzeit, mithin eigentlich noch aus vorwissenschaftlicher Zeit. Es war eine Zeit schwindender religiöser Gewissheiten und des Versuchs, durch Nachdenken zu neuen Gewissheiten zu kommen.

Es begann mit Descartes, die Frage nach der sicheren Erkenntnis, und er wußte sich keine andere Antwort als die nach seinem eigenen Ich, aber weil er ein gläubiger Mensch war, ging er davon aus, daß Gott ihn nicht so täuschen würde, und er daher seinen Beobachtungen trauen könne.

David Hume stieß auf das Problem, daß die Kategorien, mit denen er und seine Zeitgenossen die Welt betrachteten, unmöglich Produkt eines einzelnen Menschenlebens sein könnte, und als ehrlicher Mensch ließ er die Frage ihrer Herkunft unbeantwortet. Kant schließlich kam zu dem Schluß, daß die Modelle von Zusammenhänge, wie zB ein unpersönliches Ursache-Wirkungs-Prinzip, nicht Eigenschaft der Welt sei, sondern ein a priori menschlicher Erkenntnis.

Gemeinsam ist diesen philosophischen Positionen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, daß sie alle von einem Standpunkt ausgehen, der verdächtig viel Ähnlichkeit mit der persönlichen Situation dieser neuzeitlichen Philosophen hat, die eines einzelnen Menschen, der in seinem stillen Kämmerlein, nur ausgestattet mit seinem eigenen scharfen Verstand (oder dem, was er dafür hält), gewissermaßen voraussetzungs- und zeitlos Probleme zu lösen versucht, indem er all das Wandelbare, was man in der Welt beobachten kann, auf etwas Unwandelbares, auf zeitlose, "wahre" Begriffe zu reduzieren versucht.

"Die Philosophie unterscheidet sich einerseits von den Naturwissenschaften und andererseits von der Mathematik. Im Unterschied zu den Naturwissenschaften stützt sie sich nicht auf Experimente und Beobachtungen, sondern allein auf das Denken. Im Unterschied zu Mathematik kennt sie keine formalen Beweisverfahren. Man philosophieren einzig, in dem man fragt, argumentiert, bestimmte Gedanken ausprobiert und mögliche Argumente gegen sie erwägt, und darüber nachdenkt, wie unsere Begriffe wirklich beschaffen sind. […] Je grundlegender die Ideen sind, die wir zu erforschen versuchen, umso weniger Werkzeug haben wir hierfür zur Verfügung. Nur weniges darf angenommen oder vorausgesetzt werden. Die Philosophie ist daher eine etwas schwindelerregende Tätigkeit, und nur wenige ihrer Ergebnisse bleiben langfristig unangefochten."

(Thomas Nagel 1987: Was bedeutet das alles?, S. 8f)

So suchen Philosophen durch Nachdenken sichere Erkenntnisse zu erlangen, und das heißt für sie: zu untersuchen, ob es so etwas wie sichere Erkenntnis überhaupt geben kann. Letztlich suchen sie nach seit Jahrhunderten nach einem Ideal.

Und während sie das taten, entstanden die Wissenschaften, die die Frage praktisch beantworteten, indem sie Erkenntnisse ansammelten; Erkenntnisse, die zwar vielleicht nicht "wahr" im Sinne von absolut und ewig unveränderlich, aber nachprüf- und brauchbar sind. Brauchbar meint dabei brauchbar zur Orientierung in dieser Welt, um die Bahnen von Planeten zu berechnen (und zwar so genau, daß man sogar Menschen auf ihnen landen kann), zum Verständnis von Krankheiten und den Möglichkeiten, sie zu bessern oder zu heilen, usw.

An der Tatsache, daß Menschen in der Lage sind, ihr Bild von dieser Welt realistischer, sachgerechter zu machen, kann kein Zweifel mehr bestehen. Diese Frage der Philosophen, ob Erkenntnis überhaupt möglich ist, die sie selbst bis heute nicht beantworten konnten, ist durch die Entwicklung des menschlichen Wissens praktisch entschieden, und philosophische Erkenntnistheorien damit eine Sache von gestern.

Philosophen haben zu allen Zeiten versucht, zu ergründen (und uns zu erzählen), wie Erkenntnis auszusehen habe. Popper macht da keine Ausnahme. Auf der Suche nach Sicherheit, nach einem Ideal, daß sie außerhalb von sich nicht fanden, blieben ihnen nur ihre eigenen Gedanken; und da jeder Philosoph seine eigenen hat, bleiben am Ende nur Axiome, Dogmen, die man glauben kann, oder nicht. Hier bleibt die Philosophie ihrem theologischen Erbe treu, was Auguste Comte zu der Bemerkung veranlaßte, die Philosophie sei ein "notwendiges Übel", verdammt, vom religiösen Denken zum wissenschaftlichen zu führen, oder zur Religion zurückzufallen. Habermas läßt grüßen.

Eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie hat nicht mehr die Aufgabe, zu entscheiden, ob Erkenntnis möglich ist. Die Frage ist entschieden. Also kann es nur noch darum gehen, wie Erkenntnis wirklich und nachprüfbar funktioniert. Das ist keine philosophische Frage mehr, sondern eine wissenschaftliche.

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 Betreff des Beitrags: Re: Philosophiediskussion III
BeitragVerfasst: Di 19. Jan 2016, 20:32 
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Beiträge: 28
Ich bin stets bereit, mein Wissen zu erweitern. Ein paar Punkte sind mir jedoch noch nicht so recht klar:

1. Ich kenne keine wissenschaftliche Erkenntnistheorie. Mir sind nur Erkenntnistheorien geläufig, die von Naturwissenschaftlern entwickelt wurden. So viel ich weiß, gehört Popper nicht dazu. Selbstverständlich kenne ich Wissenschaftstheorien, die von Philosophen erarbeitet wurden.

2. Zitat: Eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie hat nicht mehr die Aufgabe, zu entscheiden, ob Erkenntnis möglich ist. Die Frage ist entschieden. Also kann es nur noch darum gehen, wie Erkenntnis wirklich und nachprüfbar funktioniert. Das ist keine philosophische Frage mehr, sondern eine wissenschaftliche.

Wer hat was wann entschieden?

Als ehemaliger Techniker würde ich sagen: wenn etwas nachprüfbar funktioniert, ist das keine wissenschaftliche Aussage, sondern das Ergebnis ist brauchbar oder viabel. Vermutlich argumentiert der Verfasser des eingangs zitierten Textes ähnlich.

3. Ich mache einen Unterschied zwischen »Erkenntnis« und »Wissen«.

Gruß/Pelagius.

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 Betreff des Beitrags: Wissenschaft
BeitragVerfasst: Di 19. Jan 2016, 22:42 
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Ich gehe davon aus, dass ich das Thema hier richtig positioniere, denn dieses Forum ist »Der Treffpunkt für Neugierige... und ein besseres gegenseitiges Verständnis.«

Meine Frage: Was versteht man in diesem Forum unter »Wissenschaft«, und wie wird das begründet? Ich frage deshalb, weil ein junger Freund von mir als Philologe (Latein und Altgriechisch) mit einem juristischen Thema promoviert hat.

Sind og. Disziplinen wissenschaftlich? Wenn ja, warum ist dann Philosophie unwissenschaftlich?

Gruß/Pelagius.

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Zuletzt geändert von Domingo am Do 21. Jan 2016, 17:30, insgesamt 1-mal geändert.
Urspruenglich unabhaengiges Thema zusammengefuehrt. Die Passagen, die nur in urpsr. Thema Sinn ergeben, habe ich rot markiert.


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 Betreff des Beitrags: Re: Wissenschaft
BeitragVerfasst: Mi 20. Jan 2016, 19:40 
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Beiträge: 771
Pelagius hat geschrieben:
Ich gehe davon aus, dass ich das Thema hier richtig positioniere, denn dieses Forum ist »Der Treffpunkt für Neugierige... und ein besseres gegenseitiges Verständnis.«

Meine Frage: Was versteht man in diesem Forum unter »Wissenschaft«, und wie wird das begründet? Ich frage deshalb, weil ein junger Freund von mir als Philologe (Latein und Altgriechisch) mit einem juristischen Thema promoviert hat.

Sind og. Disziplinen wissenschaftlich? Wenn ja, warum ist dann Philosophie unwissenschaftlich?

Gruß/Pelagius.


Du liebe Güte! Da machst du mit wenigen Sätzen ein ziemliches Faß auf! Wie soll man darauf antworten?

Wissenschaften haben etwas zu tun mit "sich Wissen verschaffen". Wir Menschen haben uns in einer Welt entwickelt, in der es kein Wissen gab, in der wir uns alles Wissen erarbeiten und von Generation zu Generation weitergeben mußten. Wissen wird hier verstanden als Modelle von Zusammenhängen zwischen beobachtbaren Tatsachen, also zwischen allem, was irgendwie zeitlich oder räumlich beieinander liegt.

Wie bildet man sich solche Zusammenhänge, wenn man über Zusammenhänge noch nichts weiß? Mit Hilfe der Fantasie! Die Modelle zur Erklärung dieser Welt unserer fernen (und teilweise auch nicht so fernen) Vorfahren beruhten auf bloßer Spekulation. Die einzigen Zusammenhänge, die sie kannten, waren die zwischen den Mitgliedern ihrer Gruppe, und so suchten sie nach dogmatischen und endgültigen Antworten auf ihre drängendsten Fragen bei persönlichen Verursachern, erst Geistern aller Art, dann bei überirdischen Vater- und Muttergestalten, gemeinhin Götter genannt. Man könnte dies die religiöse Phase des Wissenserwerbs nennen.

In dem Maße, in dem überirdische Vater- und Muttergestalten die Menschen enttäuscht hatten und Religionen als Erklärungsmodelle unglaubwürdig geworden waren (im wahrsten Sinne des Wortes), versuchte man vor allem ab dem 17. Jh. durch bloßes Nachdenken sicheres Wissen zu erwerben, indem man nach absoluten Anfängen, "ewigen Gesetzen", und allgemein nach der "Wahrheit" suchte, oder wenigsten zu bestimmen versuchte, ob und unter welchen Bedingungen so etwas wie "wahre Erkenntnis" überhaupt möglich sein könnte. Dies ist die philosophische Phase des Wissenserwerbs.

Die sich fast gleichzeitig damit entwickelnden Wissenschaften suchten nicht mehr nach absoluten Anfängen und dogmatischen Antworten, sondern nach nachprüfbaren Lösungen für ganz praktische Fragen, wie die Bahnen der Planeten, warum ein Apfel vom Baum fällt und es mit einem Blitz auf sich hat.

Unter Wissenschaften verstehe ich also den organisierte Versuch der Menschen, sich zunehmend sachgerechtere Vorstellungen von dieser Welt zu machen. Da diese Bemühungen aus einer wechselnden Abfolge von Tatsachenbeobachtung und Theoriebildung bestehen, könnte man sie auch zweigleisige oder theoretisch-empirische Wissenschaften nennen. Beispiele dafür sich Physik oder Biologie.

Es gibt auch eingleisige oder rein theoretische Wissenschaften wie Mathematik oder Logik, bei denen weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit einer empirischen Begründung oder auch nur Beobachtung besteht. Problemstellung wie Lösung bewegen sich auf der gleichen Ebene, verlassen nie den Ereignisraum menschengeschaffener Symbole. Und schließlich gibt es akademische Fächer, wie dein junger Freund sie studiert hat.

Viele akademische Fächer beanspruchen heute für sich die Bezeichnung Wissenschaft, weil damit ein bestimmtes Prestige verbunden ist, das im wesentlichen von den physikalischen und biologischen Wissenschaften erworben wurde, also den Naturwissenschaften, oder wie ich sie lieber nenne, theoretisch-empirische Wissenschaften. Dieses Prestige beruht darauf, daß ihre Modelle und Theorien durch Tatsachenbeobachtungen überprüfbar sind. Theoretisch-empirische Wissenschaften erstellen also nachprüfbare Modelle von beobachtbarer Zusammenhänge.

In diesem Sinne ist Philosophie NICHT eine theoretisch-empirische Wissenschaft. WAS sie dagegen IST, ist offenbar nicht allgemeingültig zu definieren. Das hat sie übrigens mit Religion gemeinsam.

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 Betreff des Beitrags: Re: Philosophiediskussion III
BeitragVerfasst: Mi 20. Jan 2016, 19:55 
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Pelagius hat geschrieben:
1. Ich kenne keine wissenschaftliche Erkenntnistheorie. Mir sind nur Erkenntnistheorien geläufig, die von Naturwissenschaftlern entwickelt wurden. So viel ich weiß, gehört Popper nicht dazu. Selbstverständlich kenne ich Wissenschaftstheorien, die von Philosophen erarbeitet wurden.

Suche mal bei Wikipedia nach "Wissenssoziologie". Da wirst du neben einer Menge von Namen auch Karl Mannheim finden. Ich orientiere mich in meinen Antworten an den Arbeiten eines Schülers von Mannheim, dem Soziologen Norbert Elias. Du wirst seinen Namen und sein Buch "Engagement und Distanzierung" in den Literaturhinweisen des Wiki-Artikels finden.

Pelagius hat geschrieben:
2. Zitat: Eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie hat nicht mehr die Aufgabe, zu entscheiden, ob Erkenntnis möglich ist. Die Frage ist entschieden. Also kann es nur noch darum gehen, wie Erkenntnis wirklich und nachprüfbar funktioniert. Das ist keine philosophische Frage mehr, sondern eine wissenschaftliche.

Wer hat was wann entschieden?

Als ehemaliger Techniker würde ich sagen: wenn etwas nachprüfbar funktioniert, ist das keine wissenschaftliche Aussage, sondern das Ergebnis ist brauchbar oder viabel. Vermutlich argumentiert der Verfasser des eingangs zitierten Textes ähnlich.


Wissenschaftliches Wissen ist nachprüfbares Wissen, oder allgemeiner ein Modell von Zusammenhängen zwischen beobachtbaren, nachprüfbaren Tatsachen. Daß wir Menschen solches Wissen besitzen, steht außer Frage, und es wird täglich mehr. Die philosophische Frage, ob es dieses Wissen überhaupt geben kann, ist also obsolet.

Pelagius hat geschrieben:
3. Ich mache einen Unterschied zwischen »Erkenntnis« und »Wissen«.

Ich nicht! Genauer gesagt verwende ich den Begriff kaum. Wie bei vielen anderen philosophischen Begriffen, an denen allerlei Scheinprobleme aufgehängt sind, findet man auch hier die Bemerkung: "eine allgemeinverbindliche Definition existiert nicht". ;)

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 Betreff des Beitrags: Re: Wissenschaft
BeitragVerfasst: Do 21. Jan 2016, 10:56 
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Es war nicht meine Absicht ein neues, großes Fass aufzutun. Es war ein müder und anscheinend untauglicher Versuch, das in diesem Forum festgezurrten Verständnis von Philosophie zu erweitern. Für mich sind die theoretischen Arbeiten von Carnap, Popper, Kuhn ua. maßgebend für den derzeitigen Stand der Wissenschaftstheorie. Die in diesem Forum vorherrschende Stimmungslage, was Philosophie anbetrifft, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Meines Erachtens verzetteln wir uns. Ich schlage vor, dieses Thema einzufrieren und uns auf den Thread von Domingo zu beschränken. Vielleicht kommt Domingo zeitweise an Bord – er hat dort für eine Wiederbelebung gesorgt und kennt den zur Diskussion stehenden Text sehr gut.

Gruß/Pelagius.

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Zuletzt geändert von Domingo am Do 21. Jan 2016, 17:32, insgesamt 1-mal geändert.
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 Betreff des Beitrags: Re: Wissenschaft
BeitragVerfasst: Do 21. Jan 2016, 11:53 
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Pelagius hat geschrieben:
Es war nicht meine Absicht ein neues, großes Fass aufzutun. Es war ein müder und anscheinend untauglicher Versuch, das in diesem Forum festgezurrten Verständnis von Philosophie zu erweitern. Für mich sind die theoretischen Arbeiten von Carnap, Popper, Kuhn ua. maßgebend für den derzeitigen Stand der Wissenschaftstheorie.

Zu Popper habe ich ja schon was geschrieben, Carnap kennt hier, denke ich, kaum jemand, und Kuhn (den ich ursprünglich sehr geschätzt und heute noch im Schrank habe) hat sich am Ende einfach verzettelt, weil er sich auch nicht zwischen Philosophie, Geschichtsschreibung und Sozialwissenschaft entscheiden konnte. Der "derzeitige Stand der Wissenschaftstheorie" besteht aus meiner Sicht aus zunehmender Bedeutungslosigkeit der Philosophie, einem Überhandnehmen von Biologismen und Wissenschaften, die zunehmend ihr eigenes Ding machen.

Pelagius hat geschrieben:
Die in diesem Forum vorherrschende Stimmungslage, was Philosophie anbetrifft, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Diese Forum besteht wesentlich aus einer Handvoll Leute. Da brauchst du nicht von "Stimmungslage" zu sprechen, die kannst du beim Namen nennen. Außerdem, warum machst du eine Gefühlssache daraus? Meiner Ansicht nach geht es um nachprüfbare Fakten, in diesem Fall um den Fakt, daß es den unterschiedlichen Philosophen nicht gelungen ist, eine Wissenschaftstheorie auf die Beine zu stellen, die in wissenschaftlicher (will heißen: nach prüfbarer) Weise theoretisch verarbeitet, wie Wissenschaften praktisch funktionieren.

Pelagius hat geschrieben:
Meines Erachtens verzetteln wir uns. Ich schlage vor, dieses Thema einzufrieren und uns auf den Thread von Domingo zu beschränken.

Ich hab diesen Thread nicht angefangen, aber ich denke, ich habe sachliche Argumente gebracht. Wenn dir das unangenehm ist, mußt du weder lesen, was ich schreibe, noch darauf antworten.

Das eigentliche Problem ist aber, hier wie in anderen Zusammenhängen, daß es bis heute keine anerkannte und nachprüfbare Theorie sozialer Prozesse gibt, und daher auch keine der Entwicklung menschlichen Wissens, die nun einmal Teil dieser sozialen Prozesse ist. So gehen Religion, Philosophie und Wissenschaften immer wieder fröhlich durcheinander, und die Menschen bleiben sich selbst ihr größtes Rätsel. Eine Fantasievorstellung folgt der nächsten, und den wechselnden Kleidermoden nicht unähnlich, kommt auch Totgeglaubtes irgendwann wieder, und der Irrsinn feiert fröhlichen Urstände.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wissenschaft
BeitragVerfasst: Do 21. Jan 2016, 17:27 
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Ich werde die beiden Threads verschmelzen, falls ich mich noch erinnere, wie das geht :)


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