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 Betreff des Beitrags: Aufklaerung und Gulags
BeitragVerfasst: Do 19. Jan 2017, 23:07 
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Nur eine kurze Frage an die historisch Versierteren (als ich): Auf religioesen Foren (ich brauche keinen Namen zu nennen 8-) ) kursiert die Behauptung - or es wird eher insinuiert - dass die Aufklaerung (Rousseau, die Encyclopedie, Voltaire usw.) ;etzlich zu den KZ und Gulags, zum Faschismus und Stalinismus gefuehrt hat. Dazu wuerde ich instinktiv einwenden, dass diese letztgenannten Ideologien eigentlich aus der Gegenaufklaerung hervorgegangen sind. Doch ist auch nicht zu leugnen, dass waehrend der Franzoesischen Revolution Sachen vor sich gingen, die den Gulags usw. nicht unaehnlich sind. Liege ich dann doch falsch?

Sorry, dass dieses Post nicht besonders ausformuliert ist, ich habe halt wenig Zeit...


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 Betreff des Beitrags: Re: Aufklaerung und Gulags
BeitragVerfasst: Fr 20. Jan 2017, 13:04 
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Registriert: So 14. Apr 2013, 09:59
Beiträge: 764
Domingo hat geschrieben:
Nur eine kurze Frage an die historisch Versierteren (als ich): Auf religioesen Foren (ich brauche keinen Namen zu nennen 8-) ) kursiert die Behauptung - or es wird eher insinuiert - dass die Aufklaerung (Rousseau, die Encyclopedie, Voltaire usw.) ;etzlich zu den KZ und Gulags, zum Faschismus und Stalinismus gefuehrt hat. Dazu wuerde ich instinktiv einwenden, dass diese letztgenannten Ideologien eigentlich aus der Gegenaufklaerung hervorgegangen sind. Doch ist auch nicht zu leugnen, dass waehrend der Franzoesischen Revolution Sachen vor sich gingen, die den Gulags usw. nicht unaehnlich sind. Liege ich dann doch falsch?


Was ist Aufklärung? „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Kern der Aufklärung ist also Kritik, vor allem Kritik jeder Anspruchs, der sich selbst der Kritik verweigert, mithin jedes Wahrheitsanspruchs, und damit zu allererst jeder Offenbarungs-Religion. Paradebeispiel dieser kritischen Einstellung war Diderot und seine Encyklopedie.

„Ein Schwerpunkt der von Diderot in den Pensées sur l’interprétation de la nature entworfenen Methodologie besteht darin, auf der Basis der Beobachtung der empirischen Realität jeweils provisorische Hypothesen aufzustellen, die Ausgangspunkt neuer wissenschaftlicher Fragestellungen und Forschungsobjekte sein sollen, jedoch immer explizit als approximative, als durch die Forschung wieder zu überschreitende gesetzt werden. Derselbe relative Gültigkeitsanspruch gilt auch bei Diderot für die philosophischen Theorien, die einen Gesamtentwurf als Synthese der Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften bieten sollen, jedoch ebenfalls wieder gemäß dem prinzipiell immer offenen Fortgang der Wissenschaften nur Haltepunkte des Denkens, niemals Endpunkte sein dürfen. […] Ein wesentliches Merkmal der von Diderot postulierten Methode für die Naturforschung besteht darin, den Wert der Hypothesen, der Gesamttheorien, selbst der Spekulationen gegenüber dem von Newtons Postulat "Hypotheses non fingo" [bedeutet sinngemäß: in der Experimentalphilosophie gibt es keine Unterstellungen] geprägten Denkmodell seiner Zeitgenossen wieder zu rehabilitieren, die Hypothesen in einen methodischen Kontext mit Beobachtung und Experiment zu stellen.“

Ursula Winter: Wissenschaftsmethodologie und Moral. In: D. Harth, M. Raether: Denis Diderot oder die Ambivalenz der Aufklärung, S. 157–184.

In eine ähnliche Richtung ging d’Holbachs Materialismus. Auch Voltaire und Rousseau, die immerhin über ein Jahrzehnt vor der Französischen Revolution starben, wird man kaum für deren Schrecken verantwortlich machen können.

Allerdings war es eine Idee Rousseaus, die neben ihrem großen Einfluß auf die Freiheit und die Entwicklung zur Demokratie noch schlimme Folgen haben sollte, die des Gesellschaftsvertrages, und darin vor allem die des allgemeinen Willens, des Volonté générale, den er als allgemein, absolut und unfehlbar bezeichnet.

Die volonté générale („allgemeiner Wille“) unterscheidet sich von der volonté de tous („Willen aller“): Erstere repräsentiert das Allgemeinwohl, während letztere nur die Summe der individuellen privaten Einzelinteressen (volonté particulière) bedeutet. Die volonté générale ist im Gegensatz zur volonté de tous unfehlbar, denn sie bezeichnet das, was der politische Körper (die Gemeinschaft der Bürger) tun und entscheiden würde, wenn er allgemeingültige Gesetze beschließen, wählen oder abstimmen könnte, und zwar bei vollständiger Informiertheit, höchster Vernunft und uneingeschränkter, also dogmatisch oder emotional ungetrübter Urteilskraft:

« Si, quand le peuple suffisamment informé délibère, les citoyens n'avaient aucune communication entre eux, du grand nombre de petites différences résulterait toujours la volonté générale, et la délibération serait toujours bonne. »

„Wenn die Bürger keinerlei Verbindung untereinander hätten, würde, wenn das Volk wohlunterrichtet entscheidet, aus der großen Zahl der kleinen Unterschiede immer die Volonté générale (Gemeinwille) hervorgehen, und die Entscheidung wäre immer gut.“[5]
(zitiert aus: Wiki: Volonté générale, Begriff bei Rousseau)

Was bei Rousseau eher noch ein Konjunktiv, eine Möglichkeit und damit eine Utopie ist, die eine besondere Erziehung der Menschen voraussetzt, hat dann Robespierre zur Grundlage seiner Schreckensherrschaft gemacht, indem er den volonté générale, den allgemeinen Willen für den einzigen tugendhaften und im Besitz der Wahrheit befindlichen Menschen in Anspruch nahm, den er kannte - sich selbst. Dabei ging es um mehr als um die Rechtfertigung von Gewalt. „Es ging um Transzendenz, und das Versprechen eines besseren Morgen - ein vollkommenes Jenseits, eine Himmel, ein Paradies, die ideale Diktatur der Arbeiter und Bauern, ein Ende der Geschichte. Nur der quasi-religiöse Glaube an ein Ideal, das gerade außerhalb der Reichweite der Gegenwart schwebt, kann die großen Opfer, die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten rechtfertigen, die im Namen der Macht verlangt und begangen werden. Jede Revolution braucht ihre Religion. […] Männer wie Holbach und Diderot, die jegliche politische Autorität und das Recht auf Gewaltanwendung im Namen von Ideen kritisch hinterfragt hatten, hatten in der neuen Republik keinen Platz.“ (Philipp Blom, Böse Philosophen, S. 359)

Insofern ist es nicht die Aufklärung, die zum Gulag geführt hat, auch nicht die Gegenaufklärung, die doch nur nie alten „Wahrheiten“ restaurieren wollte, sondern der Abbruch der Aufklärung, ihr vorläufiges Ende im Namen einer neuen „Wahrheit“, einer neuen Religion, die all die Gewalt rechtfertigte, so wie es früher die alte Religion getan hatte.

Es ist dieser Wahrheitsanspruch in den Händen weniger, dieser Fluch unaufgeklärter Zeiten, der das eigentliche Übel darstellt, ganz egal, ob es sich um eine alte oder eine neue Religion handelt. Und das einzige Mittel dagegen ist Kritik, Wissenschaft, Aufklärung, damals wie heute.

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"Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen ... Alles aber ist geworden;
es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt."


- Friedrich Nietzsche


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 Betreff des Beitrags: Re: Aufklaerung und Gulags
BeitragVerfasst: Di 24. Jan 2017, 05:35 
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Danke fuer den ausfuehrlichen Beitrag. Wenn ich mich recht erinnere, auf Mykath war es Helmut, der den Humanismus mit der Aufklaerung und somit mit den Gulags in Verbindung brachte...


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 Betreff des Beitrags: Re: Aufklaerung und Gulags
BeitragVerfasst: Di 24. Jan 2017, 11:16 
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Registriert: So 14. Apr 2013, 09:59
Beiträge: 764
Bei helmut war schnell mal der Wunsch der Vater des Gedankens. Mittlerweile beschränkt er sich auf das Setzen von Links, die keinen interessieren.

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